Über Digitalisierung wird in Deutschland permanent gesprochen. Gleichzeitig liest man ständig, Deutschland hänge hinterher. Behörden zu langsam, Unternehmen zu analog, Prozesse ineffizient. Aber worüber wird eigentlich gesprochen? Denn Digitalisierung ist nicht gleich Digitalisierung.

Digitization und Digitalization

Im Englischen gibt es zwei Begriffe, die im Deutschen in einem einzigen Wort zusammenfallen. Und genau da beginnt das Durcheinander.

Digitization, das ist der erste Schritt. Das Papier weg, die Excel-Tabelle her. Den Lieferschein einscannen. Die Kundenliste im Computer statt im Ordner. Das haben die meisten Unternehmen gemacht. Irgendwie. Über Jahre. Stück für Stück.

Digitalization ist der Schritt, den viele ignorieren. Er bedeutet, die wertschöpfenden Abläufe selbst digital zu denken. Zu verstehen, wie die eigene Wertschöpfung funktioniert, vom Auftrag bis zum Geldeingang, und die digitalen Werkzeuge bewusst darauf auszurichten. Also mit den Daten, die man hat, auch etwas zu tun. Sie zu verknüpfen, auszuwerten, daraus Entscheidungen abzuleiten.

Der Unterschied klingt akademisch. Ist er aber nicht. Er erklärt, warum so vieles schiefgeht.

Was passiert, wenn man den Schritt überspringt

In den meisten Unternehmen ist über die Jahre Folgendes passiert: Man hat Software angeschafft, ERP, Warenwirtschaft, Auftragsabwicklung, CRM. Man hat sie installiert, und dann hat man sie benutzt. Und wenn etwas nicht so funktioniert hat, wie man es brauchte, hat man es irgendwie hinbekommen. Eine Formel hier, ein Workaround da. Ein Export in Excel, der händisch weiterverarbeitet wurde. Eine Schnittstelle, die jemand mal gebastelt hat.

Das ist pragmatisch. Und es hat oft jahrelang funktioniert.

Aber es war nie bewusst gestaltet. Die Prozesse wurden nicht verstanden und dann mit Software unterstützt, sie wurden in die Software reingequetscht. Und das, was dabei entstanden ist, versteht nach ein paar Jahren oft niemand mehr so richtig. Es funktioniert halt. Irgendwie. Dokumentiert ist davon wenig bis nichts. Das Wissen, warum die Schnittstelle genau diese Felder übergibt, warum die Kalkulation auf diesem Weg funktioniert, warum das Feld „Kundentyp 3“ existiert und was es bedeutet: das steckt in den Köpfen der Menschen, die es damals eingerichtet haben. Und manchmal sind die längst woanders.

Im Deutschen gibt es ein ehrliches Wort dafür: frickeln. Es beschreibt genau das: etwas zum Funktionieren bringen, ohne es sauber zu durchdenken. Frickeln ist kein Versagen. Es ist Alltag unter Druck. Aber wenn sich über Jahre ein ganzes Geflecht davon aufbaut, undokumentiert und in Köpfen gespeichert, wird es zur Achillesferse des Unternehmens.

Warum jede Migration daran scheitert

Irgendwann kommt der Punkt, an dem man umsteigen muss. Das Altsystem bekommt keine Updates mehr. Der Hersteller kündigt ab. Die Branche verlangt etwas Neues. Ein Käufer steht vor der Tür und will integrieren.

Und dann passiert das, was ich in knapp 30 Jahren immer wieder gesehen habe.

Man bekommt die Daten raus. Zahlen, Namen, Texte: das Digitization-Zeug. Maschinenlesbar. Exportierbar. Soweit kein Problem.

Was man verliert, ist alles andere. Die Verknüpfungen. Die Logik. Die Abläufe, die über Jahre in die Software eingebaut wurden: das Digitalization-Zeug. Das steckt im Altsystem und lässt sich in kein Format exportieren.

Und dann versucht man, das, was man im alten System hingefrickelt hat, ohne Bewusstsein und ohne Dokumentation, ins neue System hinüberzufrickeln. Und stellt fest: Das neue System funktioniert anders. Die Logik passt nicht. Die Felder heißen anders. „Auftragsnummer“ heißt jetzt „OrderReference“. Die Schnittstellen greifen ins Leere. Die Freigabeschwellen, die Workflows, die Regeln: nichts davon ist portierbar, weil es nie dokumentiert war.

Also wird weiter gefrickelt. Am Ende hat man ein neues System, das genauso undurchsichtig ist wie das alte. Nur teurer. Und die Mitarbeiter haben das Vertrauen verloren, weil die dritte Migration in zehn Jahren wieder nicht gehalten hat, was sie versprochen hat.

Das Muster: ERP, Cloud, KI

In den 90ern kam ERP. Versprochen wurde Transparenz. Eingeführt wurde es als Pflichtprogramm, die Konfiguration an die vorhandenen Abläufe angepasst, statt die Abläufe zu hinterfragen. Ergebnis: individuelles Customizing auf Standardsoftware, das bei jedem Update Probleme macht.

In den 2010ern kam die Cloud. Versprochen wurde Flexibilität. Oft wurde der bestehende Monolith in die Cloud geschoben, ohne die Architektur zu ändern. Die Vorteile von Cloud Native blieben ungenutzt, die Abhängigkeiten dafür verdoppelt.

Jetzt kommt KI. Versprochen wird Effizienz. Und wieder wird auf ein Fundament gebaut, das nie sauber war. KI kann nur so intelligent sein wie die Daten und Prozesse, auf die sie zugreift. Ohne den zweiten Schritt, die bewusste Gestaltung der digitalen Wertschöpfung, automatisiert KI das bestehende Durcheinander. Sie ersetzt keine fehlende Digitalisierung. Sie macht fehlende Digitalisierung teurer.

Wer den zweiten Schritt überspringt, automatisiert das Durcheinander.

Und jedes Mal dasselbe Verhalten: reinstopfen und hoffen. Dass es schon passt. Dass die neue Software das Problem löst, das die alte erzeugt hat. Dass man Stufe drei nehmen kann, ohne Stufe zwei jemals gemacht zu haben.

Das eigentliche Problem ist nicht die falsche Software. Und es ist auch kein Technikproblem: Deutschland hat genug Ingenieure, genug Entwickler, genug Server. Das Problem ist, dass bei jeder dieser Wellen niemand die Frage stellt, die am Anfang stehen müsste: Wie funktioniert dieses Unternehmen? Wo entsteht der Wert, Schritt für Schritt? Was kostet jeder Schritt? Welche Software trägt ihn? Und was hängt wovon ab?

Das ist die digitale Wertschöpfungskette. Sie ist der fehlende zweite Schritt. Und solange dieser Schritt übersprungen wird, wiederholt jede neue Technologiewelle das Muster: mehr Software, mehr Abhängigkeiten, mehr Kosten, weniger Überblick.

Was die Zahlen bestätigen

Die Bitkom-Studie 2025 hat 603 deutsche Unternehmen ab 20 Beschäftigten befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass es längst kein Technikproblem mehr ist.

53 %
der deutschen Unternehmen melden erstmals Probleme bei der Bewältigung der Digitalisierung (Bitkom, 2025)
82 %
sehen die aktuelle Wirtschaftskrise als Krise versäumter Digitalisierung
34 → 53 %
Anstieg in nur drei Jahren bei Problemen mit der Steuerung von Digitalisierungsprojekten

Die Unternehmen scheitern nicht an der Technologie. Sie scheitern an der Steuerung. Und das ist kein Zufall. Es ist die Konsequenz daraus, dass Stufe zwei übersprungen wurde. Wer seine Wertschöpfung nicht kennt, kann sie auch nicht steuern. Und wer sie nicht steuern kann, wird an jeder neuen Technologieentscheidung scheitern, nicht an der Technik, sondern am fehlenden Fundament.

Parallel dazu bewertet die DIHK-Digitalisierungsumfrage 2025 mit über 4.000 befragten Unternehmen den eigenen Digitalisierungsstand seit Jahren unverändert mit der Schulnote 2,8. Nur 10 Prozent der Betriebe sehen sich als Vorreiter. Die Selbsteinschätzung stagniert auf mittelmäßigem Niveau, während die nächste Welle schon vor der Tür steht.

Was das für Ihr Unternehmen bedeutet

Wenn eine Migration ansteht, ein KI-Projekt geplant ist, ein Käufer vor der Tür steht oder einfach die IT-Kosten steigen, ohne dass jemand sagen kann, wofür: dann ist der fehlende zweite Schritt fast immer die Ursache. Und dann kostet es ein Vielfaches dessen, was es gekostet hätte, einmal vorher hinzuschauen.

Vorher heißt: die eigenen Abläufe verstehen. Wissen, was den Betrieb am Laufen hält. Sehen, was in der Software steckt und was in den Köpfen. Die Wertschöpfungskette einmal zusammenhängend betrachten, nicht als IT-Projekt, sondern als Grundlage für jede weitere Entscheidung.

Das ist der Schritt, den Deutschland übersprungen hat. Und es ist der Schritt, ohne den alles andere wackelt.